Wenn das Produkt mitreden darf: Aufstellungsarbeit im Business

Was wäre, wenn deine Kundinnen dir sagen könnten, ob sie deinem geschäftlichem Umzug folgen, bevor du den Mietvertrag unterschreibst? Oder wenn dein neues Produkt dir verrät, ob es überhaupt auf den Markt will, bevor du Tausende Euro investierst? Genau das ist in einer Businessaufstellung möglich.

Wie weit das reichen kann, hat Solveig erlebt. Ich zeige in diesem Blog ein paar Praxisbeispiele von ihr und anderen. In einer Timeline-Aufstellung stand sie in der Rolle ihres Unternehmens AWAKEN to the Core, und ihr Unternehmen sagte: „Ich brauche ein Zuhause.“ Eine Woche später lag das Inserat eines Seminarhauses in ihrem Postfach. Heute arbeitet sie dort.

Über solche Erfahrungen haben Solveig und ich im dritten Teil unserer Gesprächsreihe zur Aufstellungsarbeit gesprochen, nach Ahnen- und Familienaufstellungen sowie schamanischer Aufstellungsarbeit.

 

Businessaufstellungen

Ein Unternehmen ist ein lebendiges Kommunikations-System

Für Solveig wie für mich ist eine Firma mehr als eine Rechtsform mit Bilanz. Wir sprechen von einer Wesenheit, einer Entität. Bei einem Unternehmen mit Mitarbeitern liegt das auf der Hand, denn dort arbeiten Menschen miteinander. Aber auch das Konstrukt selbst lebt. Es hat eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft. AWAKEN etwa ist nicht einfach entstanden. Es gab eine gemeinsame Gründungsidee, gegründet hat Solveig dann allein. Solche Wurzeln wirken weiter und in einer Timeline-Aufstellung lässt sich prüfen, ob dort noch etwas gesehen oder geklärt werden möchte, um in der Sprache des Ahnenfelds zu bleiben.

Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage an die Art, wie wir Entscheidungen treffen. Der spitze Bleistift, die Zahlen, die Strategie, der Trend, den ein Unternehmensberater gerade ausruft: All das hat seine Berechtigung. Als alleiniges Credo greift es heute zu kurz. Mir geht es nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

Produkte und Zielgruppen befragen, bevor investiert wird

In einer Businessaufstellung lassen wir die Kundengruppe oder das Produkt selbst sprechen. Dabei sind zwei Ergebnisse möglich. Entweder bestätigt sich die Kopfidee, dann lässt sich die Entscheidung mit einem doppelt guten Gefühl treffen. Oder es zeigt sich: interessante Idee, aber das Produkt findet sie gar nicht gut, oder die Kunden sagen sehr deutlich, dass sie gehen, wenn das umgesetzt wird.

Gerade wer ständig neue Ideen hat, so wie Solveig, gewinnt damit ein Prüfinstrument.

  • Ist die Idee reif für den Markt?
  • Was sagt der wirtschaftliche Erfolg dazu?
  • Welche Produkte interessieren die eigene Zielgruppe überhaupt, und was brauchen sie noch, um attraktiv zu werden?

Eine Produktentwicklung kostet schnell einige tausend Euro, von Zeit und Fokus ganz abgesehen. Eine Aufstellung vorab zeigt, ob das ganze System, die Inhaberin als Ideengeberin eingeschlossen, damit in den Fluss kommt.

Für die Repräsentantinnen und Repräsentanten ist das übrigens eine besondere Erfahrung. Sie wissen nicht, wofür sie stehen, das Betriebsgeheimnis bleibt gewahrt. Sie wissen nur: Ich stehe für ein Produkt. Viele hoffen regelrecht darauf, an diesem Tag ein Produkt sein zu dürfen, weil es sie fasziniert, wie etwas so Abstraktes eine Stimme bekommt. Ganz fremd ist der Gedanke nicht. Ein Produkt entsteht gemeinsam mit dem Unternehmen und aus ihm heraus, es hat seinen eigenen Lebenszyklus und braucht Zuwendung, sonst verkümmert es. Am Ende ist alles Energie und in einer Aufstellung ordnen wir diese Energien und bringen sie in Einklang.

Wenn eine Stelle sich nicht besetzen lässt

Ein Fall aus meiner Praxis: In einem Unternehmen ließ sich eine bestimmte Position einfach nicht dauerhaft besetzen. Die Fluktuation war ständig zu hoch. Naheliegend wäre der Schluss gewesen, man finde eben nicht die richtigen Bewerber. Im Vorgespräch stellte sich heraus, dass die Firma früher von einem Paar geleitet worden war. Das Paar hatte sich getrennt, der Mann führte das Unternehmen weiter. Die Stelle, die niemand halten konnte, war genau die, die früher seine Frau innehatte.

In diesem Fall war gar keine Aufstellung mehr nötig. Das systemische Verständnis und das Gespräch allein haben die Bereinigung gebracht. Manchmal genügt es, zu erkennen, dass ein scheinbar rein betriebliches Problem aus einem ganz anderen Kontext gespeist wird.

Der Standortwechsel und der Dank an die alten Räume

Ein anderer Auftraggeber stand vor einem Umzug. Neue Räume, gute Anbindung, die Bushaltestelle direkt vor der Tür. Gleichzeitig kann jeder Ortswechsel dazu führen, dass manchen Kunden der Weg plötzlich die entscheidenden fünf Minuten zu weit ist. Also haben wir die Kunden in der Aufstellung befragt, ob sie zu Standort A oder B mitgehen würden. Das Ergebnis war ein schönes Zeugnis für die Kundenbindung: egal welcher Ort, wir gehen mit.

Der Erfolg bewegte sich trotzdem nicht. Erst als ich den alten Standort als Repräsentanten mit hinzunahm, kam Bewegung hinein. Der Inhaber durfte sich bei den alten Räumen bedanken. Er konnte aussprechen, dass er auch dank dieser Räume so gewachsen ist, dass er nun weiterziehen wird. Die alte Praxis war gewürdigt, und als abstrakter Repräsentant konnte sie/die Praxis ihren Segen für den Umzug geben. Danach kam der Erfolg zurück ins System. Das mag für manche zunächst spooky klingen. Es zeigt aber, dass in Unternehmen Kräfte wirken, die in keiner klassischen Beratung auftauchen.

Teamstrukturen: wer steht wo, und wer sieht das Ziel?

Solveig arbeitet als Teamcoach in der IT. Während ihrer Ausbildung brachte sie ein eigenes Fallbeispiel ein: Gefühlt lag die komplette Verantwortung für Team, Teamerfolg und Inhalte auf ihr. Dabei ist ein Teamcoach dafür da, das Team bei seiner Arbeit zu unterstützen, nicht dafür, die Arbeit selbst zu machen.

Die Teamstrukturaufstellung zeigte genau das: Solveig stand an der Führungsposition, also am falschen Platz, und natürlich schauten alle auf sie. Die eigentlich Verantwortlichen hatten weder das Ziel noch das Team im Blick. Die Entwickler waren froh, dass Solveig dort stand, denn so schaute niemand auf sie. Auch hier spielt die natürliche Ordnung eine zentrale Rolle. Selbst in agilen Strukturen gibt es Hierarchien, die berücksichtigt werden wollen: wer welche Rolle und Verantwortung trägt, und wie lange jemand dazugehört. Es gilt das Prinzip, dass die Älteren vor den Jüngeren kommen.

Mit diesen Erkenntnissen ging Solveig zu ihrem Auftraggeber und konnte die Rahmenbedingungen so verändern, dass das Team überhaupt die Chance bekam, erfolgreich zu werden. Später verorteten sich die Teammitglieder mit einem Format namens Projektpanorama, das ein Kollege entwickelt hat, selbst im Raum, sehr nah an ihrem damaligen Lösungsbild. Der ganze Prozess dauerte ein halbes Jahr. Eine Business-Aufstellung wirkt nicht über Nacht, sie muss strukturell umgesetzt werden. Für eine Umstrukturierung ist ein halbes Jahr allerdings kurz.

Ein weiterer Punkt im Teamkontext: Wurden diejenigen, die das Team verlassen haben, verabschiedet und gewürdigt? Wenn nicht, kann es zu Störungen kommen, ähnlich wie im Ahnensystem, wo ein anderer Teil des Systems darauf aufmerksam macht, dass etwas nicht gewürdigt wurde. Bei wiederkehrenden Konflikten, Spannungen oder schlechter Stimmung lohnt der Blick darauf, wie die Einzelnen zueinander stehen. Sind alle in der richtigen Reihenfolge? Können alle das Ziel sehen? Wer muss wen sehen, wer muss wie eng mit wem zusammenarbeiten? Oft reicht es schon, das mit Figuren sichtbar zu machen, damit bei mehreren Beteiligten die Erkenntnis entsteht, dass sich etwas ändern muss.

Veränderungsprozesse und die Metaebene

Auch wenn Veränderungen anstehen, etwa die Einführung eines agilen Skalierungsframeworks, zeigt eine Change-Aufstellung, wie es den künftigen Rolleninhabern mit der Veränderung geht und wie die Rollen zueinander stehen. Dafür muss man nicht einmal personenspezifisch aufstellen. So lässt sich herausfinden, welche Stakeholder was brauchen, um gut informiert und angesprochen zu werden. Man kann das natürlich auch mit viel Kopfarbeit in einer Stakeholderanalyse erledigen. Oder man gönnt sich mehr Interaktion und setzt Change-Maßnahmen danach deutlich zielgerichteter auf.

Gerade in Wissensunternehmen sind alle gern sehr kopflastig unterwegs, und Meetings drehen sich in Detailfragen auf „Grasnarbe 7“, bis niemand mehr weiß, worüber eigentlich gesprochen wurde. Eine Aufstellung hebt den Blick auf die Metaebene: Wohin steuern wir, und wer braucht hier was?

Nach der Aufstellung beginnt die Arbeit

Eine Businessaufstellung bedeutet nicht, dass danach alle nach Hause gehen und die Füße hochlegen. Es entstehen Hausaufgaben. Vielleicht wird klar, dass ein Gespräch mit einer bestimmten Abteilung fällig ist, dass jemand zurück ins Team geholt werden muss oder eine Würdigung braucht. Vielleicht zeigt sich, dass ein Mitarbeiter nach fünfzehn Jahren zwar „dran“ wäre, Teamleiter zu werden, diese Rolle ihm aber gar nicht gerecht würde. Dann stellt sich die Frage, wie seine Erfahrung gewürdigt werden kann, ohne ihn in eine vertikale Karriere zu drängen, wenn eine horizontale besser zu ihm passt.

Was die Aufstellung schenkt, ist Klarheit darüber, welche Hausaufgaben wirklich anstehen. Manchmal bestätigt sie, was man sich vorher schon gedacht hat, manchmal verschiebt sie die Prioritäten. Und manchmal zeigt sie einfach, dass es in einer Abteilung gut läuft, was ebenfalls eine schöne Nachricht ist. Erkenntnisse allein bewegen noch nichts, am Ende zählt die Umsetzung. Oder, wie man bei uns sagt: Von nix kommt nix.

Ausblick: Werte, die gelebt werden

Ein Thema haben wir zum Schluss nur angerissen: die Werteaufstellung. Unternehmenswerte lassen sich leicht in eine glänzende Broschüre schreiben, fünf grandiose Sätze, und fertig. Solange die Inhaberin diese Werte nicht verinnerlicht und gefühlt hat, bleibt das Unternehmen ein kaltes Konstrukt. Hinzu kommt: Ich bin mein Unternehmen, und mein Unternehmen ist dennoch eigenständig, mit einem eigenen Willen. Werte, die mir persönlich viel bedeuten, können im Business weniger relevant sein. In einer Werteaufstellung wird sichtbar, welche Werte es tatsächlich sind und welches Gewicht sie haben. Darauf kommen wir vielleicht in einem weiteren Gespräch zurück.

Das ganze Gespräch zum Nachschauen

Das vollständige Gespräch zwischen Solveig und mir mit allen Beispielen findest du hier: …zum Video

Du findest Aufstellungen nicht nur für dich selbst spannend? Du möchtest selbst lernen, wie man diese anleiten kann?
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